Moderne Preisgestaltung im Umfeld von Revenue Management

Moderne Preis­ge­stal­tung im Umfeld von Revenue Manage­ment

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Klassisch werden Angebots­preise für Produkte oder Dienst­leis­tungen auf Basis der entstanden Kosten, beauf­schlagt mit einer angestrebten Marge, erhoben. Seit Ende des letzten Jahrhun­derts gibt es einen zweiten Ansatz zur Festle­gung von Angebots­preisen: Wieviel ist ein Kunde bereit, für ein Produkt oder eine Dienst­leis­tung zu zahlen? Im besten Fall deckt dieser Preis die entstan­denen Kosten und enthält zusätz­lich die angestrebte Marge. Die treibende Branche bei dieser Entwick­lung war der Perso­nen­trans­port im Flugver­kehr. Durch die Zunahme sogenannter Billig-Airlines waren die renom­mierten Flugge­sell­schaften im Zugzwang und mussten sich einen Ansatz überlegen, um ihre Kosten zu decken und trotzdem konkur­renz­fähig gegen­über ihren Mitbe­werben zu werden. Die Idee war, dass beispiels­weise kurzfristig entschlos­sene Business-Reisende mehr Geld für ein Ticket bezahlen als beispiels­weise Städte­rei­sende mit einem langen Planungs­ho­ri­zont. Diese Idee verbreitet sich heute immer weiter auf unter­schied­liche Branchen und Produkte wie Hotel­über­nachten, Leihwagen und dem Güter­ver­kehr. Die zentrale Frage des Ansatzes ist, wieviel ist ein spezi­fi­scher Kunde bzw. eine Kunden­gruppe bereit ist, für ein Produkt oder eine Dienst­leis­tung zu zahlen.

Gründe für akzep­table Preise sind branchen- und kunden­spe­zi­fisch sehr unter­schied­lich. Im Perso­nen­ver­kehr oder, allge­meiner, in der Touris­mus­branche, sind es sicher die Vorlauf­zeit der Buchung, Flexi­bi­lität, Stornie­rungs­be­din­gungen, zusätz­liche Service­leis­tungen wie beispiels­weise Verpfle­gung und weitere Einflüsse. Eine genaue indivi­du­elle Annah­me­wahr­schein­lich­keit in Abhän­gig­keit aller Einflüsse inkl. des Preises lässt sich nicht exakt berechnen. Auch bei einer spezi­fi­schen Person kann sich die Gewich­tung der Einflüsse zwischen zwei Tagen ändern. Verschlech­tert sich beispiels­weise die Wetter­pro­gnose, verrin­gert sich die Kaufwahr­schein­lich­keit für Tickets bei kurzent­schlos­senen Städte­rei­senden. Eine Reduzie­rung des Preises könnte den Einfluss neutra­li­sieren, aber auch ein Upgrade in eine andere Beför­de­rungs­klasse oder der Zimmer­größe könnten die Entschei­dung beein­flussen.

Die Aufgabe eines Data Scien­tist (m/w/d) ist es, aus histo­ri­schen Trans­ak­ti­ons­daten indivi­du­elle Annah­me­wahr­schein­lich­keiten für einen Kunden oder einer Kunden­gruppe in Abhän­gig­keit aller vorhan­denen Infor­ma­tionen zu schätzen. Die Annah­me­wahr­schein­lich­keiten in Abhän­gig­keit des Preises unter Berück­sich­ti­gung aller Einflüsse wird als Preis­sen­si­ti­vi­täts­kurve bezeichnet. Diese hat im Allge­meinen einen S-förmigen (sigmo­iden) Verlauf.

Moderne Preisgestaltung im Umfeld von Revenue Management

Ein Beispiel für die darge­stellte Kurve ist ein Dienst­leis­tungs­un­ter­nehmen, welches Aufträge an Handwerker vermit­telt. Im Fall eines Produkt­preises müsste die Kurve gespie­gelt werden, so dass geringe Preise zu einer hohen Annah­me­wahr­schein­lich­keit führen und hohe Preise zu einer geringen.

Die Kurve lässt sich durch ein mehrdi­men­sio­nales (nicht­li­neares) Regres­si­ons­mo­dell abbilden: man sucht eine Funktion, welche die Einfluss­merk­male in Bezug auf die Zielgröße (oder auch in Bezug auf mehrere Zielgrößen) abbildet und dabei die Abwei­chungen zu der tatsäch­lich gemes­senen Zielgröße minimiert. Dies bezeichnet man als überwachtes Lernen. In unserem Fall wäre die Zielgröße die Annah­me­wahr­schein­lich­keit und die Einfluss­merk­male aller Infor­ma­tionen (inkl. des Preises), welche in den Trans­ak­ti­ons­daten und in den Kunden­daten zur Verfü­gung stehen. Es gibt nur ein Problem: die Zielgröße ist unbekannt. Wir haben zwar für jedes Angebot die Infor­ma­tion, ob es angenommen wurde oder nicht; wie weit der Angebots­preis aber von der Akzep­tanz­grenze des Kunden entfernt lag, ist nicht bekannt. Zur Lösung des Problems wechseln wir die Zielgröße auf das binäre Merkmal Annahme / Ableh­nung. Dadurch erhalten wir ein sogenanntes logis­ti­sches Regres­si­ons­mo­dell, welches wir trainieren können. Was jetzt aber fehlt, sind die gesuchten Annah­me­wahr­schein­lich­keiten.

Um diese zu erhalten, wechseln wir erneut das Lösungs­ver­fahren. Durch die Verwen­dung der binären Zielgröße Annahme / Ableh­nung können wir anstelle der Regres­si­ons­kurve auch die Zuord­nung eines Daten­satzes zu einer der der beiden Klassen Annahme oder Ableh­nung model­lieren – ein Klassie­rungs­pro­blem. Ähnlich wie bei der Regres­sion erfolgt die Klassen­ord­nung so, dass die Abwei­chungen zwischen dem tatsäch­li­chen Annah­me­ver­halten und dem Modell minimal werden. In der Mathe­matik gibt es bewährte Maße für den Fehler eines Modells. Das bekann­teste ist wohl die Wurzel des mittleren quadra­ti­schen Fehlers über alle Daten­sätze. Mit dem Ziel, dass wir irgendwie eine Wahrschein­lich­keit dafür brauchen, dass eine spezi­fi­sche Merkmals­kom­bi­na­tion zu einer Annahme des Angebotes führt, wählen wir statt­dessen die Kreuz-Entropie als Fehlermaß. Die Kreuz­entropie vergleicht eine empiri­sche mit einer theore­ti­schen Vertei­lung und gibt als Ergebnis nicht nur die Klassen­zu­ord­nung zurück, sondern auch die Wahrschein­lich­keiten dafür, dass eine Merkmals­kom­bi­na­tion in eine der beiden Klassen gehört. Diese Wahrschein­lich­keit können wir als Annah­me­wahr­schein­lich­keit inter­pre­tieren.

Es gibt eine weitere Beson­der­heit inner­halb unserer Aufga­ben­stel­lung: Annah­me­wahr­schein­lich­keiten sollten mit steigenden Preisen bei ansonsten gleichen Merkmalen nicht fallen. Wir benötigen also ein Monoto­nie­kri­te­rium, welches dafür sorgt, dass bei einer Zunahme eines Merkmals auch die Zielgröße zunimmt oder zumin­dest nicht abnimmt (das gilt ebenso für abneh­mende Merkmale).

Ein Verfahren, welches alle genannten Anfor­de­rungen erfüllt, ist ein Deep Lattice Netzwerk, welches ich in einem anderen Post in diesem Blog vorstelle. Nach dem Training des Netzes, bei dem für die varia­blen Parameter des Modells Werte auf Basis von Trainings­daten geschätzt werden, kann über die vorlie­genden Infor­ma­tionen eines aktuellen Angebotes inkl. des angebo­tenen Preises und inkl. Infor­ma­tionen über den poten­ti­ellen Kunden eine Annah­me­wahr­schein­lich­keit geschätzt werden. Variiert man den Preis bei konstanten weiteren Merkmalen wird die Annah­me­wahr­schein­lich­keit zu einer Preis­sen­si­ti­vi­täts­kurve erwei­tert. Ein Beispiel zu Anwen­dung stelle ich in einem weiteren Post in diesem Blog vor.

Mit der Kurve muss entschieden werden, welche Annah­me­wahr­schein­lich­keit vom anbie­tenden Unter­nehmen erwartet wird. Greifen wir dazu erneut das Beispiel des Dienst­leis­tungs­un­ter­neh­mens auf, welches Aufträge an Handwerker vermit­telt. Nimmt man beispiels­weise eine Annah­me­wahr­schein­lich­keit von 50% an, wird der Handwerker den Auftrag zu 50% übernehmen und zu 50% ablehnen. Will man die Zusage­wahr­schein­lich­keit erhöhen (z.B. weil es nur wenige Handwerker mit den gefor­derten Quali­fi­ka­tionen gibt oder weil der Handwerker erfah­rungs­gemäß die Arbeit in einer sehr hohen Qualität ablie­fert), muss der Preis und damit die Annah­me­wahr­schein­lich­keit erhöht werden. Auf der anderen Seite kann man Glück haben und der Handwerker ist aktuell schlecht ausge­lastet und übernimmt den Auftrag auch bei einem Angebots­preis mit einer 40%-igen Annah­me­wahr­schein­lich­keit. Wir haben es hier also mit einem Optimie­rungs­pro­blem zu tun, welches wir beispiels­weise in einem durch den mFund geför­derten Forschungs­pro­jektes mit Ansätzen der künst­li­chen Intel­li­genz gelöst haben.

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Björn Piepen­burg

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